20220117

Unsere Corona-Zeit – Eine Familienchronik Teil 7: Schlussstrich – und was danach kommt

Es ist vorbei.

Nichts ist aufgearbeitet. Nichts ist vergeben. Und alles wurde archiviert – in den Akten, in den Köpfen, in den Familien die das durchgemacht haben.

Aber die Masken sind weg. Die Tests sind weg. Die Kinder gehen wieder zur Schule. Das Leben hat sich wieder normalisiert – zumindest nach außen.

Ich sitze jetzt hier und schaue auf die letzten sechs Jahre zurück. Auf die Bußgeldbescheide im Ordner. Auf das Foto von Katrin. Auf die Schulabmeldung von Bianca. Auf den Klinikbericht von Marc.

Und ich frage mich: Was war das eigentlich?

Was ich gelernt habe

Ich habe gelernt dass ein Staat sehr schnell vergisst wen er eigentlich schützen sollte. Und welche Grenzen er hat. Denn wenn Grundrechte in Krisen keinen Bestand haben – sind es dann überhaupt noch Grundrechte? Oder nur Rechte auf Abruf, die man uns gewährt solange wir brav sind?

Ich habe gelernt dass Gesetze manchmal schneller gemacht werden als gedacht – und dass die die sie treffen, meistens die letzten sind die gefragt werden.

Ich habe gelernt dass Bürokratie kein Gesicht hat. Keine Bußgeldstelle hat meine Tochter je gesehen. Keine Behörde hat sich je gefragt wie es einer Familie geht die mit einem Gehalt über die Runden kommen muss – weil die andere Person gefeuert wurde, wegen einer Maske die sie medizinisch nicht tragen konnte.

Und ich habe gelernt dass Widerstand keine Frage der politischen Überzeugung ist. Sondern eine Frage des Gewissens.

Was mich am meisten beschäftigt

Nicht die Politiker. Die machen was Politiker immer machen – sie reagieren auf Druck, auf Zahlen, auf Medienstimmung. Das ist ihr Job. Wobei manche in dieser Zeit offensichtlich auch noch Zeit für ihre Nebentätigkeiten in diversen Vorständen gefunden haben. Aber das ist ein anderes Kapitel – und ein längeres.

Was mich wirklich beschäftigt sind die Menschen die mitgemacht haben. Nicht aus Böswilligkeit – sondern weil es einfacher war. Weil der Nachbar es auch gemacht hat. Weil die Zeitung es so geschrieben hat. Weil man keinen Ärger haben wollte.

Divide et impera – teile und herrsche. Das ist so alt wie die Menschheit. Und es funktioniert immer dann am besten wenn die Menschen aufhören miteinander zu reden. Wenn die Geimpften auf die Ungeimpften zeigen. Wenn die Maskierten auf die Unmasked schauen. Wenn Familien wie unsere einfach unsichtbar werden.

Wegen politischer Meinungen sind in dieser Zeit Ehen auseinandergegangen. Freundschaften zerbrochen. Familien gespalten. Das hat mir mehr wehgetan als jeder Bußgeldbescheid.

Ein letztes Wort

Diese Chronik ist kein Aufruf zum Hass. Keine Abrechnung mit einzelnen Menschen. Keine Einladung zum Streit. Ich hatte selbst genug davon – für mehrere Leben.

Es ist ein Dokument. Unseres. Der Familie Tschorsnig aus Weitramsdorf.

Wir waren da. Wir haben es erlebt. Wir haben uns gewehrt. Und wir haben daraus gelernt.

Und wir sind noch hier. Auch wenn viele die wir kannten nicht mehr da sind – manche haben das Land verlassen, manche haben sich zurückgezogen, manche sind einfach weg.

Zeitgeschichte

Corona wird in die Geschichtsbücher eingehen. Wie die großen Krisen vor ihm – nicht weil es das schlimmste war was die Menschheit je erlebt hat, sondern weil es gezeigt hat wie eine Gesellschaft auf Druck reagiert. Was sie aushält. Was sie aufgibt. Und wer dabei auf der Strecke bleibt.

Die Frage die bleibt ist nicht ob das alles so kommen musste. Die Frage ist was wir daraus machen.

Die gesellschaftlichen Gräben die aufgerissen wurden schließen sich nicht von selbst. Das ist Arbeit. Mühsame, unbequeme, manchmal demütige Arbeit. Aber sie lohnt sich – weil eine Gesellschaft die sich selbst zerfleischt am Ende niemandem nützt. Nur denen die oben sitzen und zuschauen.

Und jetzt?

Wachsamkeit ist keine Paranoia. Wer die letzten fünf Jahre aufmerksam verfolgt hat darf und sollte kritisch bleiben. Fragen stellen. Nachgraben. Nicht alles glauben was laut genug gesagt wird.

Aber Angst ist selten ein guter Berater. Wer aus Angst heraus entscheidet – ob für oder gegen etwas – entscheidet meist nicht für sich selbst. Sondern für jemanden der die Angst erzeugt hat.

Ich will keine Angst mehr.

Ich will Wachsamkeit. Neugier. Und das ruhige Vertrauen dass die meisten Menschen im Kern das Richtige wollen – auch wenn sie manchmal den falschen Weg nehmen.

Die Unterlagen liegen im Ordner. Die Bilder sind auf den Servern. Die Erinnerungen sind in uns.

Irgendwann werden unsere Enkel fragen was damals war. Dann zeigen wir ihnen diese Seiten.

Und sagen: Wir haben nicht geschwiegen.

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