Unsere Corona-Zeit – Eine Familienchronik Teil 3: Celine – Die Ausbildung, die einfach weg war
Celine war siebzehn Jahre alt, als Corona begann.
Sie hatte gerade den Schritt gemacht, den junge Menschen irgendwann machen: raus aus der Schule, hinein ins Arbeitsleben. Ausbildung zur Fachverkäuferin im Lebensmittelhandwerk bei Edeka. Neuer Markt, neue Kollegen, Probezeit. Sie wollte einfach nur anfangen.
Doch genau das durfte sie plötzlich nicht mehr.
Die erste Falle: Kontaktperson
Im April des Jahres 2020 wurde Celine als Kontaktperson einer positiv getesteten Person eingestuft. Ihr Arbeitgeber schickte sie daraufhin nach Hause. Sie tat, was man ihr sagte.
Das Problem begann erst danach.
Weder das Landratsamt noch ein Arzt waren bereit oder in der Lage, ihr die Situation eindeutig schriftlich zu bestätigen. Auf dem Papier fehlte sie damit unentschuldigt – obwohl sie auf ausdrückliche Anweisung ihres Arbeitgebers zuhause geblieben war.
Niemand erklärte ihr, wer überhaupt zuständig war. Niemand fühlte sich verantwortlich. Die Situation blieb einfach an ihr hängen.
Rückblickend war genau das eines der Dinge, die mich in dieser Zeit am meisten erschütterten: Wie schnell Menschen plötzlich zwischen Vorschriften, Zuständigkeiten und Behörden verloren gingen, ohne dass sich irgendjemand wirklich verantwortlich fühlte.
Die zweite Falle: Die Maske
Was danach kam, kannten wir in unserer Familie bereits.
Durch das stundenlange Tragen der Maske bekam Celine starke Hautreaktionen im Gesicht. Ausschläge, Reizungen und Beschwerden, die sich mit der Zeit verschlimmerten. Sie fehlte häufiger, weil sie die Probleme nicht einfach ignorieren konnte.
Doch wie schon bei meiner Frau erwies sich selbst der Versuch, medizinische Hilfe oder ein anerkanntes Attest zu bekommen, als schwierig und zermürbend. Anfangs wollte niemand klare Aussagen treffen oder Verantwortung übernehmen.
Die Geduld des Arbeitgebers war schneller aufgebraucht als die medizinische Klärung.
Dann kam die Kündigung.
Probezeit. Ohne Begründungspflicht.
Rechtlich war das vollkommen zulässig. Genau das machte es so bitter. Niemand musste erklären, warum eine junge Auszubildende plötzlich ihren Platz verlor. Es genügte, dass sie in dieser Situation nicht mehr reibungslos funktionierte.
Die Ausbildung war damit beendet.

Was das bedeutet hat
Celine war siebzehn Jahre alt. Ohne Ausbildung, ohne Arbeitsplatz und mit dem Gefühl, für etwas bestraft zu werden, das sie sich nicht ausgesucht hatte.
Hinzu kam die nächste Belastung: Durch die Umstände der Kündigung entstanden auch Probleme bei den Leistungen und Ansprüchen gegenüber dem Arbeitsamt. Wieder begann ein Kampf mit Formularen, Zuständigkeiten und Erklärungen.
Wir überbrückten diese Zeit mit einem Einkommen. Mit drei Kindern, laufenden Kosten und all dem anderen Druck, der gleichzeitig auf unserer Familie lastete.
Was mir bis heute fehlt, ist nicht einmal eine Entschuldigung.
Sondern einfach nur das Gefühl, dass irgendjemand überhaupt gefragt hätte, ob das alles noch verhältnismäßig war.

Was bleibt
Celine verlor ihre Ausbildung in einer Zeit, in der vieles nur noch nach Regeln funktionierte, aber kaum noch nach Augenmaß.
Gesundheitliche Probleme wurden zu organisatorischen Problemen. Zuständigkeiten verschwammen. Und wer nicht in die vorgesehenen Abläufe passte, fiel irgendwann einfach heraus.
Ich behaupte nicht, dass all das absichtlich geschehen ist.
Ich sage nur: Es ist passiert. Bei meiner Tochter. Und für die Menschen, die davon betroffen waren, hatte das reale Folgen.
