Unsere Corona-Zeit – Eine Familienchronik Teil 2: Bianca – Die Tochter, die nicht mehr konnte
Es gibt Momente, die sich für immer einbrennen.
Für mich war es ein Abend im Oktober 2020. Ich kam nach Hause, ging ins Esszimmer – und fand meine Tochter Bianca am Tisch sitzen. Sie war fünfzehn Jahre alt. Sie wirkte völlig erschöpft. Dehydriert, rot und gleichzeitig blass im Gesicht, die Augen leer.
An diesem Tag hatte sie morgens gegen sieben Uhr im Schulbus ihre Maske aufgesetzt. Es war noch ungewöhnlich warm draußen, weit über dreißig Grad. Abgenommen hatte sie die Maske erst wieder, als sie am Nachmittag aus dem Bus stieg.
Sie sah mich an und bat mich unter Tränen, nicht mehr in die Schule gehen zu müssen.
Ich selbst war in diesem Moment den Tränen nah… nicht aus Schwäche. Sondern weil ich in diesem Augenblick begriff, dass die Pandemie für unsere Familie längst keine politische Debatte mehr war. Es ging nicht mehr um Pressekonferenzen, Inzidenzen oder Verordnungen. Es saß direkt vor mir am Küchentisch. In Form meines eigenen Kindes.
Ab diesem Tag konnte ich nicht mehr einfach untätig bleiben.
Was vorher schon war
Bianca hatte bereits vor Corona keine einfache Schulzeit. Sie galt als sensibel, lebhaft und passte nicht immer problemlos in das starre System Schule. Wie viele Familien standen auch wir irgendwann vor Gesprächen mit Therapeuten, Diagnosen und dem Vorschlag medikamentöser Unterstützung. Trotzdem kam sie zurecht. Sie kämpfte sich durch ihren Alltag, wie es viele Kinder tun.
Mit den Maßnahmen änderte sich das zunehmend.
Seit dem Frühjahr 2020 litt sie unter immer stärkeren Kopfschmerzen, Migräneanfällen und permanenter Erschöpfung. Die Schulsozialarbeiterin wurde eingeschaltet. Doch anstatt ernsthaft zu hinterfragen, ob die Situation selbst das Problem sein könnte, wurde meiner Tochter über Wochen vermittelt, ihre Beschwerden seien hauptsächlich psychischer Natur. Die Maßnahmen seien notwendig, sie müsse lernen, damit umzugehen.
Im Oktober 2020 brach Bianca schließlich zusammen.
Sie sagte mir damals, sie würde lieber sterben, als so weiterleben zu müssen.
Diesen Satz werde ich nie vergessen.
Kein Amt hat ihn protokolliert. Keine Behörde hat ihn aufgenommen. Kein Bußgeldbescheid erwähnt ihn. In keiner Statistik taucht er auf. Aber ich habe ihn gehört. Und ich habe verstanden, dass hier etwas gewaltig aus dem Gleichgewicht geraten war.
Der Versuch, eine Lösung zu finden
Wir haben uns nicht einfach verweigert. Im Gegenteil. Wir haben versucht, innerhalb des Systems eine Lösung zu finden.
Im März 2021 wurde Bianca offiziell von der Mittelschule Seßlach abgemeldet. Der Rektor bestätigte dies schriftlich. Uns war selbstverständlich bewusst, dass weiterhin Schulpflicht bestand. Deshalb meldeten wir sie an der Staatlichen Berufsschule I Coburg, der Freiherr-von-Rast-Schule, an.
Im September 2021 schrieb ich dem stellvertretenden Schulleiter Herrn Höllein persönlich. Ich schilderte offen die Situation: die gesundheitlichen Probleme, die Depressionen, den Zusammenbruch im Vorjahr. Ich bat nicht um Sonderrechte. Ich bat lediglich darum, Bianca vorübergehend vom Präsenzunterricht zu befreien und ihr Distanzunterricht zu ermöglichen.
Herr Höllein reagierte freundlich und verständnisvoll. Für kurze Zeit hatte ich tatsächlich das Gefühl, dass es vielleicht doch noch vernünftige und menschliche Lösungen geben könnte. Es wurde ein MS-Teams-Zugang eingerichtet, Unterrichtsmaterial bereitgestellt und versucht, Bianca irgendwie durch diese Zeit zu begleiten.


Dann kam das ministerielle Schreiben vom 8. Oktober 2021. Testpflicht ist Pflicht. Ohne Test kein Unterricht. Ohne Unterricht unentschuldigtes Fehlen. Kein Anspruch mehr auf Distanzunterricht. Mit einem einzigen Schreiben war jede zuvor gefundene pragmatische Lösung beendet.
Die Schule teilte uns schriftlich mit, dass Bianca nach den Herbstferien als unentschuldigt fehlend geführt werde.
Im Oktober 2021 stellte unser Arzt schließlich ein Maskenattest aus medizinischen und psychosozialen Gründen aus. Gültig bis November 2021. Doch selbst das änderte nichts mehr. Die Testpflicht blieb bestehen. Und das Attest musste immer wieder erneuert werden, obwohl sich an Biancas Zustand nichts verändert hatte.
Was mich bis heute beschäftigt, ist nicht nur die Härte der Regeln. Sondern wie selbstverständlich sie überall umgesetzt wurden. Kaum jemand stellte noch Fragen. Kaum jemand schien sich ernsthaft dafür zu interessieren, was diese Maßnahmen im Einzelfall mit Menschen machten.
Hauptsache, die Vorgaben wurden erfüllt. Ob dabei Kinder psychisch zerbrachen, spielte am Ende offenbar nur noch eine untergeordnete Rolle.
Die Bußgelder
Am 30. Dezember 2021 kam der erste Bußgeldbescheid.
Ausgestellt von der Stadt Coburg, Amt für Schulen, Kultur und Bildung. Adressiert an: Frau Bianca Tschorsnig, gesetzlich vertreten durch Bernhard Tschorsnig. 400 Euro. Dazu 28,50 Euro Gebühren und Auslagen. Gesamtbetrag: 428,50 Euro. Begründung: 20 Schultage und 126 Unterrichtsstunden unentschuldigt versäumt.
Ich legte Einspruch ein. Gemeinsam mit einem Anwalt reichten wir ärztliche Bescheinigungen und Unterlagen ein. Im Mai 2022 wurde der erste Bescheid tatsächlich zurückgenommen. Die Stadt musste einräumen, dass das Distanzlernen in diesem Zeitraum rechtlich zulässig gewesen war.
Doch die Erleichterung hielt nicht lange an. Fast zeitgleich kam der nächste Bescheid. 877,50 Euro. Für 39 weitere Schultage und 234 Unterrichtsstunden.
Dann weitere Anhörungen. Weitere Schreiben. Weitere Androhungen von Geldbußen bis zu 1.000 Euro im Monat je Kind. Irgendwann verliert man den Überblick.
Ich habe die Unterlagen bis heute aufgehoben. Einen kompletten Ordner voller Schreiben, Fristen, Anhörungen und Bescheide. Papierberge über eine fünfzehnjährige Schülerin, die einfach nicht mehr konnte.

Was am Ende blieb
Bianca machte ihren Hauptschulabschluss nicht.
Nicht weil sie nicht wollte. Nicht weil sie zu faul gewesen wäre. Sondern weil es in dieser Zeit für sie schlicht keinen gangbaren Weg mehr gab.
Keine Schule ohne Maske und Test. Keine dauerhaft akzeptierte Fernbeschulung. Kein Spielraum. Keine echte individuelle Lösung.
Erst im Frühjahr 2022, als Masken- und Testpflicht endlich fielen, kehrte sie zurück in die Schule. Zu diesem Zeitpunkt war sie bereits anderthalb Jahre aus ihrem normalen Leben herausgerissen worden.
Ich weiß nur: Sie war fünfzehn Jahre alt, als das begann. Und sie war nicht mehr dieselbe, als es endete.
