Unsere Corona-Zeit – Eine Familienchronik Teil 4: Marc – Neun Jahre alt, und das System dreht durch
Marc war neun Jahre alt, als Corona begann.
Neun Jahre alt.
Ich schreibe das nochmal hin weil ich möchte dass das sackt. Nicht fünfzehn wie Bianca, nicht siebzehn wie Celine. Neun Jahre alt. Grundschulkind. Ein Junge der Fußball spielen wollte, Freunde finden wollte, einfach Kind sein wollte.
Was er stattdessen bekommen hat, lässt mich bis heute nicht los.
Was vorher schon war
Marc hatte schon vor Corona keinen einfachen Start ins Schulleben. Er war ein sensibles Kind, lebhaft, schnell überfordert und in therapeutischer Betreuung. Schule war für ihn oft anstrengender als für andere Kinder. Trotzdem funktionierte sein Alltag irgendwie. Nicht perfekt, aber er kam zurecht.

Mit Beginn der Corona-Maßnahmen veränderte sich das spürbar.
Die Masken belasteten ihn von Anfang an. Nicht aus Trotz und natürlich nicht aus politischen Gründen. Er war neun Jahre alt. Er verstand einfach nicht mehr, warum plötzlich keine Gesichter mehr zu sehen waren. Warum Abstand wichtiger wurde als Nähe. Warum Schule auf einmal etwas Bedrohliches bekam.
Mit der Zeit veränderte sich sein Verhalten deutlich. Er zog sich zurück, reagierte gereizt, verweigerte Hausaufgaben und geriet immer häufiger in Konflikte. Zuhause wie in der Schule merkten wir, dass er zunehmend an seine Grenzen kam.
Im Bericht der späteren Tagesklinik findet sich schließlich ein Satz, den ich bis heute nicht vergessen kann: Marc hatte bereits in diesem Alter Gedanken geäußert, die auf eine massive emotionale Überforderung hindeuteten.
Ein neunjähriges Kind.
Die Tagesklinik
Im Sommer 2020 wurde Marc auf Empfehlung des Sozialpädiatrischen Zentrums Coburg in die Tagesklinik der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Bezirkskrankenhauses Bayreuth aufgenommen. Vom 6. Juli bis zum 30. Oktober 2020 wurde er dort teilstationär behandelt.
Im Verlauf der Behandlung wurden verschiedene Entwicklungs- und Belastungsfaktoren beschrieben. Empfohlen wurden unter anderem therapeutische Unterstützung, schulische Begleitung sowie eine schrittweise Wiedereingliederung in den Schulalltag.
Auch Medikamente wurden Teil der Behandlung. Gerade damit hatten wir als Eltern große Schwierigkeiten.
Nicht weil wir Hilfe grundsätzlich ablehnten. Sondern weil wir uns immer häufiger fragten, ob man ein Kind behandeln sollte, während gleichzeitig die gesamte Welt um dieses Kind herum aus den Fugen geraten war.
Bis heute beschäftigt mich ein anderer Satz aus dem Bericht noch viel mehr: „Das coronabedingte Homeschooling habe die Situation zeitweise entspannt, weil die belastende Schulumgebung weggefallen sei.„
Mit anderen Worten: Zuhause ging es ihm besser als im damaligen Schulalltag.
Das sollte nachdenklich stimmen.


Zurück in die Schule – und wieder heraus
Nach dem Aufenthalt in der Tagesklinik sollte Marc schrittweise wieder in den Schulalltag zurückgeführt werden.
Doch die Probleme begannen erneut.
Ab Herbst 2021 weigerten wir uns die Tests für Marc zu unterschreiben. Für uns stellte sich zunehmend die Frage, ob die Maßnahmen seiner ohnehin belasteten Situation überhaupt noch gerecht wurden.
Marc hatte inzwischen Pflegestufe 2. Es lagen medizinische Unterlagen und Atteste vor. Trotzdem mussten diese immer wieder neu vorgelegt und begründet werden.
Am 29. November 2021 stellte die Heinrich-Schaumberger-Schule Coburg schließlich einen Antrag auf Einleitung eines Bußgeldverfahrens beim Amt für Schulen, Kultur und Bildung der Stadt Coburg.
Begründung: unentschuldigtes Fehlen. Kurz darauf erhielten wir einen Anhörungsbogen. 33 Fehltage – 140 Unterrichtsstunden – 495 Euro Bußgeld plus Gebühren. Gesamtbetrag: 523,45 Euro. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich diesen Anhörungsbogen vor mir liegen hatte.
Unter „Angaben zur Sache“ schrieb ich nichts.
Nicht weil ich nichts zu sagen gehabt hätte. Sondern weil ich irgendwann das Gefühl hatte, dass niemand mehr wirklich zuhörte.
Was mich bis heute beschäftigt
Marc sollte in der Tagesklinik soziale Fähigkeiten trainieren. Vertrauen aufbauen. Lernen, Gefühle und Gesichtsausdrücke besser wahrzunehmen und einzuordnen. Gleichzeitig war der Alltag überall von Masken geprägt. Dieser Widerspruch hat mich nie losgelassen.
Ein Kind mit sozialen und emotionalen Schwierigkeiten sollte lernen, Mimik zu lesen und Beziehungen aufzubauen, während große Teile des zwischenmenschlichen Kontakts verdeckt waren. Rückblickend frage ich mich bis heute, ob man ausreichend bedacht hat, was diese Zeit mit Kindern machte, die ohnehin schon Schwierigkeiten hatten.
Wenn heute über Verhältnismäßigkeit gesprochen wird, denke ich nicht an politische Debatten. Ich denke an Marc – An einen neunjährigen Jungen – An vier Monate Kinderpsychiatrie – und an Eltern, die irgendwann nicht mehr wussten, ob ihr Kind eigentlich krank war – oder ob die Welt um ihn herum krank geworden war.
