Unsere Corona-Zeit – Eine Familienchronik Teil 6: Bernhard – Wenn der Staat zum Problem wird
Ich bin seit über 25 Jahren im öffentlichen Dienst. Straßenwärter, Verwaltungsbeschäftigter, Personalrat. Ich kenne Bürokratie. Ich kenne Vorschriften. Ich kenne den Unterschied zwischen Regeln die Sinn ergeben und Regeln die einfach da sind weil irgendwer sie aufgeschrieben hat.
Ich bin kein Querdenker. Ich bin kein Verschwörungstheoretiker. Ich bin jemand der gelernt hat Dinge zu hinterfragen – weil mein Job das von mir verlangt, weil meine Familie das von mir verlangt, und weil ich sonst schon lange aufgehört hätte nachzudenken.
Und ja – ich war schon immer ein Mensch der nicht alles glaubt was im Fernsehen kommt. Der lieber selbst nachgräbt. Der unbequeme Fragen stellt. Manche nennen das Schwurbelei. Ich nenne es Eigenverantwortung.
Genau das hat mich in dieser Zeit in Schwierigkeiten gebracht.


Was ich beruflich wusste – und was Akademiker vergessen hatten
Jedes Jahr führen wir Sicherheitsunterweisungen durch. Atemschutz gehört dazu – FFP2-Staubschutzmasken, ihr Anwendungsbereich, ihre Grenzen. Das ist kein Geheimwissen, das steht in jedem Arbeitsschutzhandbuch.
FFP2-Masken schützen vor Partikeln. Vor Staub. Vor groben Aerosolen in bestimmten Konzentrationen. Gegen Viren die über feinste Aerosole und Schleimhäute übertragen werden – da hört der Schutz sehr schnell auf. Wer das ernsthaft hätte verhindern wollen, hätte zumindest noch Schutzbrillen gebraucht. Aber Schutzbrillen wollte man dann doch nicht vorschreiben – das wäre wohl zu albern gewesen.
Jahrzehnte Arbeitsschutzforschung. Jahrzehnte Sicherheitsunterweisungen. Und dann reicht plötzlich eine FFP2 gegen ein Virus.
Das Pikante daran: Dieses Wissen hatte jeder Bauarbeiter, jeder Straßenwärter, jeder Handwerker der jemals eine Sicherheitsunterweisung gemacht hat. Es waren nicht die Akademiker und Experten die uns in dieser Zeit in Talkshows erklärt haben wie wir uns zu schützen haben – es waren die Leute die jeden Tag draußen arbeiten die wussten dass das nicht stimmt.
Und trotzdem wurden genau diese Menschen bevormundet. Als unwissend behandelt. Als störrisch abgestempelt wenn sie Fragen gestellt haben. Als hätte die sogenannte Unterschicht kein Recht auf eigene Gedanken.
Das hat mich nicht ruhiger gemacht.
Was bei uns in der Meisterei lief
Bei der Straßenmeisterei Coburg kamen die Anweisungen von oben. Maskenpflicht im Büro. Duschen gesperrt. Pissoirs abgeklebt – ich habe die Fotos noch. Abstandsregeln überall.
Gleichzeitig saßen mehrere Kollegen zusammen im Fahrzeug. Schulter an Schulter auf der Baustelle. Gemeinsame Pause im Auto. Enge Zusammenarbeit täglich, stundenlang.
Ich sage nicht dass alle Regeln falsch waren. Ich sage dass viele von ihnen Theater waren. Gut gemeintes, vielleicht. Aber Theater.
Und ich habe das gesagt. Nicht laut, nicht auf dem Marktplatz – sondern im Sozialraum der Meisterei. Ich hatte Unterlagen ausgelegt zu einem Volksbegehren gegen den Bayerischen Landtag, als Möglichkeit zur politischen Meinungsbildung für Kollegen.
Ja – Politik hat in Behörden nichts zu suchen. Das stimme ich zu einhundert Prozent zu. Und ich stehe dazu dass das ein Fehler war.
Aber im Umkehrschluss wurden in dieser Zeit politische Maßnahmen durch Behörden durchgedrückt die keiner sachlichen Argumentation standhalten konnten. Die Münze hatte zwei Seiten. Ich habe meinen Kollegen zur Neutralität geraten – und sie zum Nachdenken angeregt. Mehr nicht.
Am 22. Januar 2021 bekam ich eine Ermahnung vom Staatlichen Bauamt Bamberg. Verstoß gegen § 31 der Allgemeinen Geschäftsordnung für die Behörden des Freistaates Bayern.
Ich habe sie unterschrieben. Ich habe mich zum Gespräch gestellt. Ruhig, sachlich, ohne Schaum vor dem Mund.
Der Facebook-Post – und was danach kam
Im August 2021 schrieb ich auf Facebook:

Gemeint war das ironisch. Als jemand der Impfungen aus Gewissensgründen ablehnte und in einer Zeit lebte wo 2G überall um sich griff, war eine überstandene Infektion der einzige Weg um wieder am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können. Das war meine Realität damals.
Interpretiert wurde es als Absicht andere Kollegen zu gefährden.
Am 29. November 2021 wurde ich ins Staatliche Bauamt Bamberg einbestellt. Klärungsgespräch. Fast eine Stunde. Ich habe meinen Standpunkt erklärt, unterschrieben, Aktennotiz erstellt.
Was mich dabei am meisten beschäftigt hat war nicht die Ermahnung selbst. Es war die Tatsache dass mein privates Umfeld durchleuchtet wurde. Dass ein Post den ich in meiner Freizeit, von meinem privaten Account, ohne jeden Arbeitsbezug geschrieben habe, auf dem Schreibtisch meines Arbeitgebers gelandet ist.
Das kenne ich eigentlich aus einer anderen Zeit. Aus Geschichten die Katrin aus der DDR erzählt.
Ich bin Arbeiter. Ich bin kein Eigentum des Bauamtes. Es ist mir überlassen wie ich leben möchte – ob ich auf natürliche Weise Immunität erlangen möchte oder mir einen Impfstoff geben lasse. Das ist meine Entscheidung. Nicht die meines Arbeitgebers.

Ich habe Merkel nie persönlich gekannt. Aber ich habe mich über sie und ihre Politik geärgert wie über jemanden der mir zu nahe kommt. Wenn ich mich über eine Frau ärgern muss mit der ich nicht verheiratet bin – dann ist Politik zu weit gegangen.
Die Montagsdemos
Ich war dabei. Nicht einmal, nicht zweimal – regelmäßig.
Nicht weil mir jemand gesagt hat wo ich hinzulaufen habe. Nicht weil ich einer Bewegung folgen wollte. Sondern weil ich auf die Straße gegangen bin als die eigenen vier Wände zu eng wurden, als die Wut größer wurde als die Vernunft zur Stille.
Was ich auf dem Coburger Marktplatz gefunden habe war keine radikale Masse. Es waren Menschen. Eltern die dieselben Probleme hatten wie wir. Leute die aus dem Alltag gefallen waren. Menschen die einfach gehört werden wollten.


Was uns empfangen hat war eine Reihe Polizeiwagen. Blaulicht auf nassem Kopfsteinpflaster. Und an der Stadthallenfront ein großes Banner: „Jetzt zusammenhalten und impfen.“
Die Medien schrieben von 350 Teilnehmern. Es waren deutlich mehr. Aber 350 klingt nach einer Handvoll Spinner – und genau das sollte es klingen.
Und was mich wirklich überrascht hat: ich habe alle Nationen angetroffen. Eine finnische Lehrerin die für ihre Kinder auf die Straße ging. Besitzer von Dönerläden und Pizzerien. Polnische Bauarbeiter. Familien aus dem ganzen Landkreis. Ich kenne kaum einen Ort in meinem Leben wo mehr Nationen zusammengekommen sind – als auf diesen Demos die in den Medien als rechtsradikal beschrieben wurden.
Das habe ich registriert. Das hat mich beschäftigt. Und das beschäftigt mich bis heute.
Gleichzeitig fanden anderswo Veranstaltungen statt. Fußballspiele. Talkshows mit Publikum. Demos die politisch genehm waren. Da gab es plötzlich keine Bedenken wegen Infektionen.
Was ich über die Impfung denke
Ich habe mich nicht impfen lassen. Das war eine bewusste Entscheidung, keine spontane Trotzreaktion.
Ich bin vorsichtig wenn mir jemand etwas Unsichtbares als Bedrohung verkauft. Ich bin vorsichtig wenn eine Lösung schneller da ist als das Problem verstanden wurde. Ich bin vorsichtig wenn Menschen die Fragen stellen als gefährlich gelten – und Menschen die schweigen als vernünftig.
Und ich habe in meinem Leben eines gelernt: Da wo am meisten drauf eingehauen wird, wo Medien sagen „schau da nicht hin“ – genau dort lohnt es sich am meisten nachzugraben. Das ist keine Paranoia. Das ist Erfahrung.
Das ist meine persönliche Haltung. Ich zwinge sie niemandem auf. Aber ich lasse sie mir auch von niemandem nehmen.

Johann Wolfgang von Goethe:
„Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht.“
Was bleibt
Ich bin Personalrat. Ich bin Verwaltungsbeschäftigter. Ich sitze täglich in einem System das ich kritisiere und das mich gleichzeitig bezahlt. Das ist ein Widerspruch den ich aushalte – weil ich glaube dass man Dinge von innen heraus verändern kann.
Aber diese Zeit hat mich etwas gelehrt das ich vorher so nicht kannte: wie schnell ein Staat der behauptet für seine Bürger da zu sein, zum Problem dieser Bürger werden kann.
Nicht böswillig vielleicht. Nicht mit Ansage. Aber systematisch, konsequent und ohne Rücksicht auf Menschen die nicht ins Schema passen.
Meine Familie war kein Einzelfall. Celine, Bianca, Marc, Katrin. Vier Menschen mit vier verschiedenen Geschichten die alle auf denselben Nenner kommen: Das System hat versagt.
Ich habe nicht still gehalten. Das werde ich auch weiterhin nicht.
Denn irgendwann werden mich meine Enkel fragen was ich in dieser Zeit getan habe. Dann möchte ich nicht sagen dass ich es nicht besser gewusst habe. Sondern dass ich alles für meine Familie gegeben habe.



