20220117

Unsere Corona-Zeit – Eine Familienchronik Teil 5: Katrin – Ausgesperrt aus dem eigenen Leben

Es gibt ein Foto von mir.

Ich sitze im Bett, schaue in die Kamera. Mein Gesicht ist gerötet, geschwollen, die Augen fast zugeschwollen. Ich sehe erschöpft aus auf eine Art die man nicht spielen kann.

Das ist kein Symbolfoto. Das bin ich. Das hat die Maske mit mir gemacht.

Eine Entscheidung die ich für richtig hielt

Beim ASB hatte ich mich hochgearbeitet. Vom Fahrdienst bis in die Disposition. Behindertenfahrdienst – Menschen abholen, begleiten, ein Stück Alltag mit ihnen teilen. Das war mehr als ein Job für mich. Das war Sinn.

Als Corona kam und sich abzeichnete was im Gesundheitswesen auf uns zukommt – flächendeckende Maskenpflicht, keine Ausnahmen, keine Diskussion – habe ich selbst die Reißleine gezogen. Vorsorglich. Ich wusste dass mein Körper auf Masken reagiert. Ich wollte der Konfrontation zuvorkommen, wollte niemandem zur Last fallen, wollte einfach einen Weg finden.

Ich wechselte in den E-Zigarettenhandel. Als Filialleiterin, mit echtem Fachwissen – ich hatte selbst mit dem Rauchen aufgehört, kannte die COPD aus eigener Erfahrung, wollte anderen helfen.

Im Nachhinein war das ein Fehler. Nicht weil der Job falsch war. Sondern weil ich dem was auf mich zukam damit nicht entkommen bin. Die Maskenpflicht hat mich dort genauso eingeholt. Nur ohne die Absicherung die mir der ASB noch geboten hätte.

Was am Anfang keiner ernst nahm

Von Beginn an konnte ich keine Maske tragen. Nicht als politische Entscheidung, nicht aus Trotz. Mein Körper reagierte – Rötungen, Schwellungen, Ausschlag im Gesicht. Ich ging zur Ärztin. Dann nochmal. Und nochmal.

Immer wieder hieß es das sei psychisch, das bilde ich mir ein, das werde schon besser, man würde sich daran gewöhnen müssen.

Es wurde nicht besser. Es wurde schlimmer.

Erst als ich wegen massiver Schwellungen im Gesicht stationär im Klinikum Lichtenfels behandelt werden musste, hat sich ein Mediziner dazu durchgerungen mir eine Maskenbefreiung auszustellen. Und erst nach aufwendiger Diagnostik bei einer Hautärztin in Hildburghausen gab es den Allergiepass – mit dem Nachweis dass FFP2-Masken von Elasto und Kingfa sowie OP-Masken von CA Diffusion nachweislich allergische Reaktionen auslösen. Glutaraldehyd, Kolophonium, Nickelverbindungen – allesamt mit starker Reaktion dokumentiert.

Das ist kein Befinden. Das ist Diagnostik. Schwarz auf weiß.

Das Attest das nichts nützte

Die Maskenbefreiung hat mich nicht befreit. Sie hat mich markiert.

Einkaufen ohne Maske: nicht möglich. Ich wurde aus Geschäften herausgebeten, oft weniger freundlich als das klingt. Den Allergiepass interessierte niemanden hinter einer Ladentheke.

Arztbesuche: kaum möglich. Praxen beriefen sich auf ihr Hausrecht. Kein Zutritt ohne Maske. Dass ich medizinisch dokumentiert keine Maske tragen konnte interessierte niemanden – das war mein Problem, nicht ihres.

Die Therapeutin die unsere Tochter Bianca betreute – ansässig in Coburg – verweigerte mir den Zutritt zur Praxis. Keine Maske, kein Gespräch. Dass meine Tochter in dieser Zeit dringend Unterstützung brauchte spielte dabei offenbar keine Rolle.

Das Groteske dabei: Keine dieser Stellen war bereit das schriftlich zu geben. Mündlich wurde ich abgewiesen. Auf dem Papier existierte es nicht.

Der Job

Im E-Zigarettenladen lief das Arbeitsverhältnis von Anfang an holprig. Der Arbeitgeber hörte Kundengespräche über Kameras mit, kritisierte meinen Umgang mit Stammkunden, das Klima verschlechterte sich zusehends. Im Oktober 2020 gab es bereits eine Kündigung die zurückgezogen wurde weil kein Ersatz zu finden war.

Im Februar 2021 kam die endgültige Kündigung. Per Telefon, am 6. Februar. Fristlos. Begründung: Verletzung der Maskentragepflicht.

Keine schriftliche Abmahnung vorher. Keine Belehrung. Einfach weg.

Ich habe geklagt. Beim Arbeitsgericht Bamberg. Nicht weil ich zurück wollte in diesen Job. Sondern weil die Begründung schlicht nicht stimmte. Ich konnte keine Maske tragen. Das war medizinisch dokumentiert. Das durfte kein Kündigungsgrund sein.

Das Arbeitsamt sah das anders. Sperre. Kein Arbeitslosengeld für mehrere Monate.

Was das im Alltag bedeutete

Ich versuche greifbar zu machen was es bedeutet wenn man in einer Gesellschaft lebt die Masken voraussetzt, aber selbst keine tragen kann.

Kein Einkaufen alleine. Kein Arztbesuch ohne Kämpfen. Kein Job. Kein Arbeitslosengeld. Kein Therapeut für die Tochter die ihn braucht.

Ich bin keine Frau die sich vor Verantwortung drückt. Ich habe Menschen im Rollstuhl durch den Alltag begleitet, mich beim ASB hochgearbeitet, drei Kinder großgezogen, Krisen gemeistert die kein Lehrbuch vorbereitet.

Ich wollte einfach nur leben. Arbeiten, einkaufen, meine Kinder zu Ärzten bringen, am Alltag teilnehmen.

Das war mir in dieser Zeit nicht möglich. Nicht weil ich mich geweigert habe. Sondern weil mein Körper sich geweigert hat. Und weil das System dafür keine Antwort hatte.

Also bin ich auf die Straße gegangen.

Nicht um Krawall zu machen. Nicht aus Wut alleine. Sondern weil ich Menschen gesucht habe denen ich nicht erklären musste was ich durchmache – weil sie es selbst durchmachten. Auf den Montagsdemos in Coburg habe ich sie gefunden. Menschen die genauso ausgegrenzt wurden, genauso kämpften, genauso unsichtbar waren für die Medien die lieber über Inzidenzen berichteten als über Familien wie unsere.

Die Medien haben diese Demos kleingeredet. Gezählt wurden wir selten richtig. Gehört wurden wir so gut wie nie. Aber wir waren da. Viele. Und wir hatten Gesichter – auch wenn man die damals hinter Masken verstecken wollte.

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