Freiheitsgeld – Bitcoin aus der Sicht eines Kindes, das in Niamey aufgewachsen ist

Ich bin kein Finanzexperte. Ich bin ein IT-Mensch aus Coburg, der als Kind drei Jahre in Niger gelebt hat – in Niamey, einer Stadt, in der Armut kein abstraktes Konzept war, sondern die Straße vor dem Tor. Vielleicht ist das genau deshalb der Grund, warum ich Bitcoin anders betrachte als die meisten.

Niamey, 1988 – eine Kindheit zwischen zwei Welten

Mein Vater war Pionier bei der Bundeswehr, eingesetzt im Rahmen einer deutsch-französischen Kooperation – einer Zusammenarbeit, die 1987 auf dem Gipfeltreffen zwischen Helmut Kohl und François Mitterrand in Karlsruhe beschlossen wurde und die später zur Deutsch-Französischen Brigade führte. So kam unsere Familie nach Niamey, der Hauptstadt von Niger, einem der ärmsten Länder der Welt.

Ich war ein deutsches Kind in Westafrika, in einer Stadt am Niger-Fluss, wo die Hitze alles verlangsamt und die Armut allgegenwärtig ist. Von 1988 bis 1991 lebte ich dort – genau in der Zeit, als Niger unter der schwindenden Militärdiktatur von Ali Saibou stand und sich langsam, schmerzhaft langsam, in Richtung einer ersten Demokratisierung tastete. 1991, kurz bevor wir zurückkamen, rief Saibou unter massivem Druck der Bevölkerung eine Nationalkonferenz ein. Deutschland erlebte die Wende – Niger erlebte seinen eigenen, ganz anderen Umbruch.

Was ich als Kind wahrgenommen habe, war nicht Politik. Es waren Menschen. Straßenverkäufer, Kinder ohne Schuhe, Märkte voller Leben und gleichzeitig voller Not. Ein Land, das auf riesigen Uranvorkommen sitzt – Niger liefert 40 Prozent des Uranbedarfs Frankreichs – und dessen Bevölkerung trotzdem kaum etwas davon hat. Das hat sich ins Gedächtnis gebrannt.

Das unsichtbare Gefängnis: Der CFA-Franc

Was ich damals als Kind nicht verstanden habe, aber heute als IT-Priester und neugieriger Mensch begreife: Niger steckt in einem Währungssystem, das aus der Kolonialzeit stammt. Der CFA-Franc, genutzt von über einem Dutzend westafrikanischer Länder, ist an den Euro gekoppelt – und die Hälfte der Währungsreserven muss beim französischen Schatzamt in Paris hinterlegt werden.

Das bedeutet: Eine Kolonialmacht kontrolliert noch heute faktisch die Geldpolitik von Ländern, die seit Jahrzehnten formal unabhängig sind. Das Geld, das in Niger erwirtschaftet wird – auch durch den Uranabbau – fließt durch ein System, das nicht für die Menschen in Niamey gemacht wurde. Es wurde für Europa gemacht.

Bitcoin als Freiheitsgeld – keine Theorie, sondern gelebte Realität

Wenn ich heute über Bitcoin nachdenke, denke ich an Niamey. Nicht an Kurscharts, nicht an Spekulationsgewinne, nicht an institutionelle Investoren.

Ich denke an einen Menschen in Westafrika, der kein Bankkonto hat – denn 60 Prozent der Erwachsenen in Afrika haben keines. Der kein Mindestguthaben nachweisen kann, keine Adresse im westlichen Sinne, keine Dokumente, die eine Bank akzeptieren würde. Dieser Mensch ist vom globalen Finanzsystem ausgeschlossen. Nicht weil er es nicht verdient. Sondern weil das System nie für ihn gebaut wurde.

Bitcoin braucht das alles nicht. Es braucht ein Smartphone und eine Internetverbindung. Kein Formular, keine Bank, keine Genehmigung, keine Kolonialmacht, die die Reserven verwaltet. Der Code behandelt jeden gleich – den Großanleger in Frankfurt und den Straßenhändler in Niamey.

2020 passierte in Nigeria etwas, das mir diesen Gedanken für immer eingebrannt hat: Beim #EndSARS-Protest gegen Polizeigewalt sperrte die nigerianische Zentralbank die Konten der Protestorganisatoren. Innerhalb von Stunden wechselten die Aktivisten zu Bitcoin. Über 150.000 Dollar in Spenden kamen trotzdem an. Das ist kein Konzept. Das ist Freiheitsgeld in Aktion.

Meine schlichte These: gegen Null oder gegen unendlich

Als IT-Mensch schaue ich auf Bitcoin auch technisch. Und da komme ich zu einer simplen, aber ziemlich unerschütterlichen Einschätzung:

Bitcoin hat eine fest programmierte Obergrenze von 21 Millionen Coins. Unveränderlich im Code. Von diesen 21 Millionen sind bereits über 1 Million – die sogenannten Satoshi-Coins – seit dem Jahr 2010 nicht mehr bewegt worden und für immer unerreichbar. Weitere 1,4 bis 2 Millionen gelten als dauerhaft verloren: vergessene Passwörter, gelöschte Wallets. Niemand kommt mehr ran.

Das verfügbare Angebot schrumpft also strukturell – während die Nachfrage weltweit wächst. Nicht nur als Spekulationsobjekt im Westen, sondern als echtes Zahlungsmittel im globalen Süden. In Nigeria nutzen heute 22 Millionen Menschen aktiv digitale Assets. Südafrikanische Supermärkte akzeptieren Bitcoin. Zwischen Juli 2024 und Juni 2025 flossen Krypto-Transaktionen im Wert von über 205 Milliarden Dollar in die Region Subsahara-Afrika – ein Wachstum von 52 Prozent.

Deshalb meine These: Bitcoin geht entweder gegen Null – oder gegen unendlich. Ein gemütliches Mittelmaß gibt es nicht. Und die Wahrscheinlichkeit für Null halte ich für die kleinere. Denn solange irgendwo auf dieser Erde ein Rechner läuft und ein Mensch Bitcoin als seinen einzigen Zugang zu einem fairen Finanzsystem betrachtet – lebt es. Und dieser Mensch sitzt nicht in Frankfurt. Er sitzt vielleicht in Niamey.

Ich bin kein Finanzberater. Das hier ist keine Anlageempfehlung. Wer in Bitcoin investiert, muss wissen, dass der Kurs extrem schwankt und ein Totalverlust möglich ist.

Aber ich glaube, dass wir Bitcoin zu sehr durch die Brille des Westens betrachten – als Spekulationsobjekt, als Herausforderung für Regulierungsbehörden, als Energiefresser. Und zu wenig durch die Augen eines Menschen in Niamey, dessen Ersparnisse in einer Währung liegen, die in Paris verwaltet wird.